Antibiotika in der Massentierhaltung

Am 9. Januar 2012 deckte der BUND auf, dass Hähn­chenfleisch aus Supermärkten und Discountern häufig mit antibiotikaresistenten Keimen belastet ist. Auf mehr als jeder zweiten Stichprobe der Hersteller „Wiesen­hof“, „Sprehe“ und „Stolle“ (gekauft bei Edeka, Netto, Lidl, Rewe und Penny) fanden wir solche Keime. Die resistenten Erreger, MRSA- und ESBL-produzierende Darmkeime, können bei geschwächten Menschen schwere Erkrankungen hervorrufen.
Forsa-Umfrage: Vier Fünftel lehnen Einsatz von Humanantibiotika bei Tieren ab

Jetzt legt der BUND nach und fordert Agrarministerin Aigner auf, die Antibiotikamenge in der Massentierhaltung stark zu reduzieren und die Bedingungen in der Tierhaltung grundlegend zu verbessern.

Eine vom BUND in Auftrag gegebene Umfrage des Meinungsforschungsinstitutes forsa kommt zu einem eindeutigen Ergebnis: Eine überwältigende Mehrheit von 83 Prozent der Bundesbürger spricht sich für ein Verbot bestimmter Humanantibiotika in der Massen­tierhaltung aus. Das bestärkt den BUND in seiner Forderung, den Einsatz von Antibiotika in der Massentierhaltung drastisch zu reduzieren.
Hintergrund

In Deutschland infizieren sich jährlich 400.000 bis 600.000 Patienten mit Krankenhauskeimen, 7.500 bis 15.000 Patienten sterben daran. Die Behandlung solcher Infektionen ist zunehmend problematisch, da immer mehr Keime Resistenzen entwickeln und sie weitergeben. Am Anstieg der so genannten multiresistenten Keime hat auch der extrem hohe Einsatz von Antibiotika in der Intensivtierhaltung einen Anteil. Nach Angaben des Landwirtschaftsministeriums in NRW werden in über 90 Prozent der Hähnchenmastanlagen Antibiotika eingesetzt.

Der BUND hat im Januar eine Untersuchung veröffentlicht, der zu Folge die resistenten Keime zum Beispiel über Geflügelfleisch bis in die Küchen der Verbraucher gelangen. Verbraucherministerin Aigner kündigte seither zahlreiche Schritte gegen die Ausbreitung von antibiotikaresistenten Keimen an, die in der Tierhaltung entstehen. Bislang blieb es bei den Ankündigungen. Die Hauptursache für den Missbrauch von Antibiotika in der industriellen Tierhaltung – die miserablen und unwürdigen Haltungsbedingungen für die Tiere – blendet die Bundesregierung vollständig aus. Konkrete Fortschritte zum Schutz von Patienten, Verbrauchern, Beschäftigten in der Tierhaltung und zum Schutz der Tiere sind noch immer nicht vorhanden.

Datenbank erster Schritt, aber kein Allheilmittel

Erst nach Drängen der Länder stimmte Aigner einer bundesweit einheitlichen Datenbank zu, in der der Einsatz von Antibiotika zukünftig erfasst werden soll. Unklar bleibt aber, wie streng diese Daten ausgewertet und kontrolliert werden. Der BUND fordert, dass die Bundesregierung die Daten aus den Ländern mindestens jährlich bundesweit sammelt und in einem Bericht jährlich offenlegt.

Aber eine Datenbank ist kein Allheilmittel: Bloßes Datenerfassen heißt noch nicht, dass der Antibiotikaeinsatz gesenkt wird. Ein konkretes Senkungsziel von Minus 50 Prozent bis 2015, wie vom BUND verlangt, verfolgt die Bundesregierung bisher nicht.
Verbot wichtiger Humanantibiotika – in Deutschland kein Thema

Auch bei wichtigen Humanantibiotika ist Landwirtschaftsministerin Aigner nicht an durchgreifenden Regelungen gelegen. Sie möchte den Einsatz von Antibiotika, die für den Menschen sehr wichtig sind, in der Intensivtierhaltung lediglich einschränken. Der BUND findet: Wichtige Humanantibiotika gehören in der Tierhaltung verboten. Nur so kann die rasante Entwicklung von gefährlichen resistenten Keimen in den Ställen wirksam eingedämmt werden.
EU und Bundesländer weiter als Berlin

Auch die EU und die Bundesländer wollen wichtige Humanantibiotika aus den Ställen verbannen, zumal genug Ersatzarzneien zur Verfügung stehen. Auch die BUND-Forderung, die Bedingungen in der Tierhaltung deutlich zu verbessern, wird von den Bundesländern unterstützt. Die Bundesregierung muss endlich aufhören, die Interessen der Fleischproduzenten über die der Menschen und Tiere zu stellen. In keinem Land der EU wird mehr Fleisch in industriellem Maßstab produziert als bei uns – ein echtes Armutszeugnis.
BUND-Forderungen für den Schutz von Patienten, Verbrauchern und Tieren

1. Verbindliches, bundesweites Senkungsziel: Reduktion des Antibiotikaeinsatzes in der Intensivtierhaltung um die Hälfte bis 2015 im Vergleich zu 2010.

2. Verbot von wichtigen Humanantibiotika in der Tierhaltung

3. Massive Verbesserung des Tierschutzes

4. Subventionen nur noch für besonders artgerechte Tierhaltung

5. Offenlegung des Einsatzes aller Antibiotika in der Tierhaltung, der verkaufenden Tierarztpraxen inklusive der Rabatte bis zu 50 Prozent, die diese von Pharmakonzernen erhalten (jährliche Berichtspflicht von Bund und Ländern)

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