Unter Menschen

Die berührende Geschichte der Affen von Gänserndorf kommt deutschlandweit in die Kinos. 40 ehemalige Versuchstiere leben nun im Refugium auf Gut Aiderbichl.

Nachdem der Dokumentarfilm UNTER MENSCHEN über Menschen, Schuld, Verantwortung und Wiedergutmachung und die berührende Geschichte der Schimpansen von Gänserndorf auf dem Berlinale Special der diesjährigen Berlinale vor großem Publikum uraufgeführt wurde, läuft er jetzt in deutschen Kinos an. Im Münchner Monopol ist das Matinee-Special ausverkauft – nach der Vorführung standen die Regisseure Christian Rost und Claus Strigel dem Publikum zur Entstehungsgeschichte des Kinofilms mit den ehemaligen Versuchstieren und ihren vier Betreuerinnen Rede und Antwort. Im Foyer konnten Besucher das Filmteam und den Verleiher persönlich kennenlernen und weitere Informationen zu Tierversuchen über die Vereinigung „Ärzte gegen Tierversuche“ erhalten.

Im Halbdunkel ziehen klirrendes Metall, schwere Eisengitter und gellender Lärm die Zuschauer in ihren Bann – bis schlagartig Ruhe eintritt. In bruchstückhafter Annäherung an ein Gebäude, das wie verlassen am äußersten Ende Österreichs an der tschechischen Grenze liegt, beginnt auch die Annäherung an eine lebende Vergangenheit – bis im Inneren des Gebäudes schwere Verriegelungen ins Schloss fallen. Die hier lebenden ehemaligen Labortiere des Pharmakonzerns Immuno sind schwer traumatisiert, verstört, aggressiv und haben jegliches Recht dazu, denn sie wurden der Natur entrissen, von Menschen in der Forschung gequält und missbraucht. Bildsequenzen und Geräusche sprechen eine eigene Sprache. „Wir haben bewusst auf Kommentar verzichtet. Denn bei einem durch Kommentar geführten Film entsteht beim Zuschauer ein Betreuungswunsch, der Sprecher möge ihm alle Zusammenhänge erklären, ohne dass der Betrachter sich eigenständig auf den Weg machen müsse“, so Regisseur Claus Strigel. Ein Kommentar mache passiv und blind.

Es ist das Jahr 1987. Ein schwarz/weiss Foto zeigt den Menschenaffen Clyde. Darunter steht: 16 Jahre im Labor. Dann: Die Firma Immuno hat die Forschung ergebnislos eingestellt.

Rückwärts gerichtet fühlt sich der folgende Break auf einen Fernsehausschnitt der österreichischen Nachrichten an wie ein Schlag: „Ich verklage jeden, der sich uns in den Weg stellt“, so der Justitiar
des österreichischen Pharmaunternehmens Immuno AG, Eugen Ruffingshofer. Jeglicher Widerstand und Versuch, den Skandal zu enthüllen, wurde im korrupten Vernetzungsgewirr erstickt:
„Im WWF-Kommitee waren auch Pharma-Vertreter drin, die in die Sache mit den Schimpansen involviert waren“, so Geza Teleki, Primatologe im Gombe National Park (Tansania) und in den Jahren 1984 bis 1986 Leiter des Sierra Leone National Parks, aus dem die Tiere geraubt worden waren. Teleki engagierte sich trotz großer Mühen gegen den illegalen Tierhandel durch den Tierfänger Sitter, der ebenso die Immuo mit Schimpansen beliefert hatte und bekennt: „Ich weiss, was man diesen Lebewesen angetan hat.“

Ein qualvolles Leben in Isolationshaft

Vergangenheit, Verlauf und Jetzt-Zeit sind eng miteinander verknüpft. Das Affen-Refugium von Gut Aiderbichl – das Vergehen an der Kreatur – der Immuno-Skandal. Der Film thematisiert die korrupten Verknüpfungen des Pharma-Riesen und führt zu Josef Schmuck, dem Sachverständigen für Artenschutz, der den Weg über Schmuggler und Tierhändler anhand raumfüllender Unterlagen nachzeichnet. Über Tierhändler Sitter verfolgt der Film die Spur nach Sierra Leone ins Jahr 1986 zu Ingrid und Pünktchen, den Schimpansen, deren Mütter erschossen wurden um die Jungen ins Labor zu verschaffen und für den Profit des Pharmaunternehmens an ihnen Impfstoffe gegen HIV, Hepatitis und Grippe zu testen.

Im Gegenzug sind die 1980er Jahre gekennzeichnet von Aufklärungsarbeit über die Tortur der täglichen Versuche an Tieren in der Forschung: Betäubt, mit Vieren infiziert und isoliert – ohne Bewegung
oder Kontakt zu anderen Tieren. Verhaltensforscherin und Primatologin Jane Goodall engagiert sich für die Affen in den Labors der Immuno im österreichischen Fernsehen und spricht in diesem Zusammenhang
von Folter – steigt in einen Käfig, der gerade mal so groß ist, wie ein Mensch selbst. Bis Immuno von der Firma Baxter aufgekauft wird, die angibt, selber keine Affenversuche zu machen. Die 40 Versuchs-Schimpansen werden abgewickelt.

Diese 40 Schimpansen stehen für alle anderen

„Welch eine große Geste, die sogenannte Konkursmasse aus dem verkauften Pharmaunternehmen Immuno, diese traumatisierten Menschenaffen aus dem Labor zu übernehmen“, so die Aussage einer Tierschützerin. Tierfreund und Herzensmensch Michael Aufhauser hatte bei einem Besuch auf den Grund der Seele des Schimpasenweibchens Martha geschaut und beschlossen, die Verantwortung für das Refugium zu übernehmen. In darauf folgenden Besprechungen mit seinem Architekten Dieter Ehrengruber und dem Team zur Übernahme des Affenhauses ins Gut Aiderbichl rückten aussenliegenden Stallungen und Freigehege für die ehemaligen Versuchstiere in greifbare Nähe. Als die Lebewesen, denen Jahrzehnte lang die Freiheit genommen wurde, das erste Mal wieder die freie Natur betreten, zeichnen Kameras Bilder der geretteten Tiere auf, die um die Welt gehen.

Dass der Resozialisierungsprozess für ein Leben in Gruppen ein unendlich langer Weg ist, darüber berichtet der Film „Unter Menschen“, zeigt die traurigen Augen der Menschenaffen, die unaufhaltsamen Bemühungen der Pflegerinnen bis hin zu einer Umarmung unter freiem Himmel. In dramaturgischem Wechsel von extremen Atmospheren und absoluter Stille fokussiert der Film in seinem Verlauf auf die miteinander verwobenen Aussagen: Die wiedergewonnene Freiheit der Labortiere und die Verantwortung der Menschen. „Wir müssen uns mit dieser Schuld befassen.“

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